Wir sind keine Djangos
Düsseldorf,
10.04.2008, ANDREA KREBS
FEUERWEHR. Die Retter haben Einsätze, die sie nicht verkraften. Günter
Nuth hilft ihnen und schrieb ein Buch darüber.
FRIEDRICHSTADT. Das Führerhaus ist ein Trümmerfeld, dem Fahrer, einem
jungen Mann, kann kein Notarzt mehr helfen. Die Feuerwehrleute gehen zur
Routine über, sichern, was noch zu sichern ist. Einer findet den
abgeliebten Teddy, um dessen Hals ein winziger Zettel gebunden ist.
Kinderschrift, "komm' gut heim." Worte, die dem Mann in Uniform die kalte
Hand ums Herz legen. Hilflosigkeit, posttraumatische Belastungsstörung
formulieren die Experten. "Sein Selbstbild war derartig zerstört, dass er
dringend jemanden brauchte, der ihm zuhört", beschreibt Günter Nuth. Der
55-Jährige, seit 30 Jahren bei der Berufsfeuerwehr und inzwischen
Brandamtmann, hörte ihm zu.
Seit zwölf Jahren tut er das, seit dem 11. April 1996, als der Flughafen
brannte und 17 Menschen den Tod fanden. "Spätestens da haben auch wir
erkannt, dass wir keine Djangos sind." Reden, Gefühle zu lassen, das war
bei den Männern der Feuerwehr bis dato so, als gebe es auf Grönland
Sandstrände. "Wir sind hier nicht beim Müttergenesungswerk, geh' lieber
einen Trinken", sagte mal ein Kollege zu Nuth. Verdrängen, das hat weder
bei dem heute 55-Jährigen noch bei vielen seiner 800 hauptamtlichen
Kollegen funktioniert. Nuth ging zur Fortbildung, vertiefte sich in die
Psychotraumatologie und gründete mit fünf Kollegen ein "offenes Team" das
Kollegen hilft, die machen der 100 000 Einsätze pro Jahr nicht verkraften
können.
Bis zu 70 Fälle bearbeitet das Team in zwölf Monaten. Lange Gespräche nach
Einsätzen wie diesem, in denen die Männer eine Stunde in der brennenden
Wohnung nach zwei kleinen Geschwistern suchten - und sie schließlich
erstickt in einem Schrank fanden. "Das machen Kinder, sie glauben, wenn
sie das Feuer nicht mehr sehen, kann ihnen nichts passieren."
Familienväter begleiten diese Bilder durch den Schlaf. In vier bis sechs
Wochen versucht sie Günter Nuth mit seinem Team zu vertreiben. Klappt das
nicht, "begleiten wir die Kollegen zu Psychiatern."
Auch der Psychiater konnte nicht helfen
Drei Einsatzkräften konnte auch der Fachmann nicht helfen, sie gaben den
Job auf. Um zu begreifen, mit welchen Erlebnissen die Feuerwehrmänner zu
kämpfen haben, ließ Günter Nuth jetzt eine Auswahl auf 252 Seiten pressen.
"Brandzeichen und Eisberge" heißt das Buch.
Geest-Verlag, ISBN 978-3-86685-108-5, zwölf Euro