Reanimation eines Säuglings
Es
atmet nicht mehr. Sie stottert zitternd die Lage in den Hörer.
„Kommen Sie schnell! Mein Kind atmet nicht mehr!“
Kein Kissen ist verrutscht. Nichts Erbrochenes zu sehen. Sekunden addieren
sich zu einer Minute an diesem Sonntagmorgen, bis die Adresse auf der
Notrufleitung der Feuerwehr definiert ist. Sie weint verzweifelt ihre
Hoffnung in das Telefon.
Das
Shampoo wird gerade auf meinen Wagen verteilt. Ich weiß noch nicht, ob ich
diesem Autolack nach dem Waschen noch eine Wachsschicht als Sonntagsbonus
geben werde. Am Wochenende sind wir entspannt alarmbereit. Kein Unterricht,
keine Evakuierungsübungen in Krankenhausfluren, die Dienstpost ruht und wir
stolpern nicht über die Eimer der Reinigungskräfte in unseren Feuerwachen.
Schrill dröhnt der Gong für mich durch die Waschhalle. Das Shampoo verklebt
auf meinem Autolack. Meine Kollegen in Weiß laufen – wie ich – zum
Notarztwagen. Wir legen die Sicherheitsgurte an, leere Straßen bei dieser
Alarmfahrt. In drei Minuten werden wir ankommen.
Die
Türe in der zweiten Etage ist nur angelehnt. Wir rufen in die Diele, um das
Kinderzimmer zu finden. Eine gelbe Plüschente liegt auf dem Fußboden,
daneben das große Paket mit den Windeln.
Sie
schüttelt ihr Baby. Schlägt es auf den Rücken zwischen den Schulterblättern.
Drückt es an ihre Brust und schreit es gleichzeitig an. Sie presst mit
gespannten Lippen Luft in die kleinen Lungen. Ihre Finger verkrampfen sich
in den speckigen Oberarmen des acht Monate alten Kindes.
Sie
überschüttet mich mit Details, als ich nach der vorgefundenen Lage des
Kindes frage. Wir entscheiden uns für den hellbraunen Wickeltisch als
stabile Unterlage. Mein Kollege presst das federnde Brustbein des Säuglings
im konzentrierten Rhythmus, wie es die medizinischen Lehrbücher vorgeben.
Fast doppelt so schnell die Frequenz wie bei Erwachsenen. Ich lege das
niedliche Intubationsbesteck aus dem Koffer neben diesen kleinen Kopf,
während der Notarzt versucht, Herztöne mit dem Stethoskop zu erfassen. „Wir
sollen leise sein!“, meckert er.
Sie
muss den Raum verlassen. Klare Anweisungen des Rettungspersonals an die
Mutter. Sie setzt sich an den Küchentisch. Die Hände presst sie in
Anspannung vor ihr Gesicht. Unfähig das Telefon zu fassen, um die Situation
mit jemandem zu teilen. Eine halbe Stunde verkrampft die Wartende.
Der
Notarzt setzt sich neben sie und seine ernste Haltung deutet an, dass die
betreute Alarmfahrt zur Kinderklinik unterbleibt. Ich halte das
Intubationsbesteck unter fließendes Wasser in dem grün gekachelten
Badezimmer. Mein Kollege reißt von dem Block das Formular für Arzt und Kripo
ab. Todesursache ungeklärt. Plötzlicher Kindstod.
Nach dem Schreien und Schluchzen ist sie gelähmt. Derealisiert. Sie starrt
uns an. Wir warten, bis die Polizei die Einsatzstelle übernimmt.
Diesen Einsatz wird mein Kollege zu Hause seiner schwangeren Frau nicht
erzählen.
Zurückgekommen, habe ich keine Lust mehr, mein Auto zu wachsen.